Segeln gegen den Kalten Krieg. Wie 22 niederländische Schiffe das geteilte Berlin aufwirbelten

Im Sommer von 1987 beteiligten sich etwa zwanzig traditionelle niederländische Segelschiffe an die Berliner 750-Jahr-Feier. Berlin war zu dieser Zeit Stadt der Mauer und Symbol des Kalten Krieges. Das freie West-Berlin lag wie eine Insel mitten im ostdeutschen Meer, isoliert, ummauert und ohne viel Zukunftsperspektive. Ost-Berlin war Hauptstadt der DDR. Niemand glaubte 1987 ernsthaft an einen baldigen Mauerfall.sleep over rijn

Die Reise der niederländischen Schiffe zum Berlinjubiläum brachte zwei Welten zusammen, die kaum kompatibel waren. Die Fahrt war auf höchster politischer Ebene ermöglicht worden. Niemals zuvor waren Passagierschiffe durch die DDR hindurch nach West-Berlin gefahren, schon gar keine touristischen. Die Reise wurde eine denkwürdige Expedition, geprägt von hohen Erwartungen, Missverständnissen, Enttäuschungen und Konflikten auf allen Seiten: sobald die Flotte in Deutschland war, drängte sich die Spannung des Kalten Krieges unhaltbar auf. Aber das Unterfangen gelang, immerhin. Die Boote wurden von Tausenden Berlinern empfangen und zugejubelt. Bis heute erregt jedoch die umstrittene Berlinfahrt die Gemüter in der Welt der niederländischen Segler. Und auch den West-Berliner Kulturpolitikern schüttelten noch viele Jahre später voller Unverständnis den Kopf über die sturen Schiffer, die im entscheidenden Moment völlig überraschend Kurs auf Ost-Berlin genommen hatten…

Die West-Berliner Perspektive: Feierkonkurrenz

Das Stadtfest, um das es ging, trug alle Spuren des zerrissenen 20. Jahrhunderts. Berlin war nach 1945 gespalten und wurde seit 1961 von einer Mauer durchschnitten. Die beiden Stadthälften stritten sich gegenseitig und mit allen möglichen Mitteln ihre Legitimität ab. Auch das Jubiläum von 1987 entging dem nicht: es wurde von Ost und West getrennt vorbereitet und begangen – obwohl West-Berlin versucht hatte, seine Ansicht von der fortwährenden Einheit der Stadt im Fest auszutragen. Am Ende gab es zwei 750-Jahr-Feier mit zwei Bürgermeistern, zwei Festprogrammen und zwei Berlin-Erzählungen, Ausstellungen, Büchern, Bauprojekten und vielen internationalen Gästen aus beiden Blöcken. Ronald Reagan besuchte West-Berlin, Ost-Berlin empfing Michail Gorbatschow.

Über diese merkwürdige Feierkonkurrenz hinaus hatte das Berlin-Jubiläum auch eine komplizierte Vorgeschichte. Ein Geburtstagsfest hatte Berlin nämlich erstmals im Jahre 1937 ausgerichtet, als Hauptstadt des Dritten Reiches. Diese 700-Jahr-Feier war eine frohe Naziveranstaltung gewesen, mit Paraden und Volksfesten. Die überlieferten Bilder zeigten ein Meer von Hakenkreuzfahnen. Dieses Erbe bereitete den Veranstaltern fünfzig Jahre später Sorgen, vor allem im Westen der Stadt. Während die Hauptstadt der DDR die offensichtlichen Parallelen ignorierte und unbekümmert einen neuen historischen Festzug ausrichtete (zehn mal länger als den der Nazis), wollte West-Berlin nicht in diese Fußstapfen treten. Das Organisationsbüro hielt eine Parade für ein autoritäre Festform: marschierende Kostüme und historische Uniforme in preußischer Stechschritt konnten nicht für das demokratische West-Berlin stehen. Ein völliger Verzicht auf den klassischen historischen Umzug kam aber auch nicht so recht in Betracht.

Nach langem Suchen erfand West-Berlin etwas neues: Eine Parade auf dem Wasser. So musste nicht marschiert werden und wurde der Bevölkerung doch ein volkstümliches Fest geboten. Überdies könnte man die westlichen Bündnispartner um einen Kulturbeitrag bitten und damit die Offenheit des freien Berlin zu demonstrieren. So wurden von den Alliierten Besatzungsmächten aber auch aus Italien und den Niederlanden Boote und Schiffe nach West-Berlin eingeladen. Ein historischer „Wasserkorso“ für eine ohnehin wasserreiche Halbstadt.

Jenseits der Mauer kriegte man diese Initiative schnell mit. Die Hauptstadt der DDR arbeitete auf Hochtouren, damit ihr eigenes Stadtfest schöner, größer und besser werden sollte als das in West-Berlin. Es zog also rasch ein eigenes Wasserfest auf, im gleichen Wochenende, versteht sich. Der Westen setzte darauf, dass es mit seiner internationalen Ausstrahlung den Osten trotzdem ausbooten würde. So bekam das doppelte Stadtjubiläum auch zwei Wasserfeste, zugleich, getrennt und in Konkurrenz. Man feierte 1987 um die Wette.

Die niederländische Perspektive: Segeln als Friedenssymbol

West-Berlin trat 1985 an die niederländische Schiffswelt heran, auf dem großen Sail-Festival in Amsterdam. In den folgenden Jahren formierte sich eine Flotte von 22 traditionellen Segelschiffen, Plattboden und einigen Schleppern, die im Sommer 1987 die Fahrt nach Berlin machen sollten. Der Berliner Senat trug einige Unkosten (z.B. Brennstoff, Lotse), ansonsten war es ein freiwilliges Projekt.

Reid mit den Diplomaten von der DDR und der BRD

Reid und die beiden Diplomaten der DDR und der BRD

Die zentrale Person auf niederländischer Seite war der 53järige Reid de Jong, Visionär, Lebenskünstler, Erfinder zahlloser Segelveranstaltungen und Gründer des Sail-Festivals. Reid war telegen, verfügte über prima Verbindungen im In- und Ausland (er wollte sogar Erich Honecker einmal persönlich getroffen haben), hatte eine starke Abneigung gegen politische Probleme und eine Vorliebe für die DDR. In Sachen Wasserkorso war er der Ansprechpartner für den West-Berliner Senat. Mit viel Schwung und Charisma präsentierte er das Projekt in den Niederlanden als eine symbolische Friedensfahrt durch das geteilte Deutschland. Was hatten wir einfache niederländische Schiffer nun mit der Mauer zu tun?

Die Reise war aus einigen Gründen aufsehenerregend. Abgesehen vom offensichtlichen Wagnis, mit altmodischen Plattböden über 700 Kilometer zurückzulegen – weitgehend geschleppt über den Rhein, die Elbe und zahllosen Schleusen und Kanälen –, mussten die Boote auch viele politische Grenzen überqueren. Um Berlin zu erreichen, gab es zunächst die streng überwachte innerdeutsche Grenze, danach ging es etwa 200 Kilometer durch die DDR und schließlich durch die eigentliche Mauer nach West-Berlin. Das was für eine Passagierfahrt ein Novum – bis dahin hatte nur Frachtverkehr die Wasserstrecke zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin zurückgelegt. Für diese Premiere hatten diplomatische Dienste monatelang Überstunden gedreht, und die ersehnte Genehmigung der DDR tatsächlich erreicht. Zum Vergleich: der Tour de France bekam diese nicht. Anlässlich der 750-Jahr-Feier sollte das Radrennen 1987 in West-Berlin starten. Aber der ganze Tross musste am dritten Tag per Flugzeug nach West-Deutschland, um die Fahrt Richtung Frankreich fortzusetzen. Die DDR war den Booten aber besser gesonnen, und machte damit die Teilnahme der Niederländer an das Berliner Fest möglich. Welche Gegenleistung galt, ist bis heute jedoch unklar. Die offiziellen ost- und westdeutschen Vertreter in den Niederlanden, die untereinander natürlich ein komplexes diplomatisches Verhältnis führten, verabschiedeten die Flotte gemeinsam in Amsterdam. Am Laufsteg und im Blitzlicht der Fotographen nahm Konvoileiter Reid de Jong die beiden Diplomaten brüderlich und leicht zwingend in den Arm IMG_20140527_215449– oder im Schwitzkasten? – und löste die Leinen.

Die Fahrt der etwa 150 Teilnehmer verlief aber von Anfang an schwierig. Nicht nur gab es noch auf dem niederländischen Rhein die ersten Verspätungen, weil der Motor eines antiquarischen Schleppers explodiert war. Auch traten die ersten Grenzbeamten in West-Deutschland völlig unerwartet sehr misstrauisch und herrisch auf, mit Drogenhunden und langem Warten. (Später, bei der DDR, ging es trotz Stacheldraht und Gewehre entspannter zu, hier war man anscheinend bestens informiert.) Vor allem aber wurde unterwegs schnell deutlich, dass die ursprüngliche Absicht, an das Jubiläum in West und Ost-Berlin beizutragen, unmöglich sein würde. Die Wasserfeste, so erwies sich, waren nicht nur im gleichen Wochenende, sondern IMG_20140527_215517sogar am gleichen Tag geplant worden, am Samstag, dem 25. Juli 1987. Die Niederländer hatten vor, in beiden Teilen der Stadt zu segeln, und mit dieser Vision hatte Reid die Teilnehmer auch geworben. Wie überhaupt viele andere Niederländer auch, sympathisierten die meisten Schiffer unterschwellig eher mit der DDR. Aber mit Ost-Berlin gab es gar keine formellen Absprachen, denn West-Berlin hatte die Flotte bestellt und eingekauft. Dass die beiden Feste tatsächlich zeitgleich stattfanden, wurde erst unterwegs für jeden klar. Es stand quer zum neutral-pazifistischen Ausgangspunkt, beide Berlins zu besegeln. Dort erwartete man die Schiffe selbstverständlich beim eigenen Wasserkorso. Je näher man der gespaltenen Stadt kam, je schlechter wurde die Stimmung an Bord: Was niemand sich so richtig ausgedacht hatte – was werden wir im geteilten Berlin eigentlich machen? Wir werden schon sehen –, wurde nun ein riesiges Problem. Und so drängten sich die nackten Dilemmas des großen Konfliktes gnadenlos der Flotte auf: Gehen wir nach West, nach Ost, nach beiden und in welcher Reihenfolge? Während Reid emsig mit Berliner Autoritäten verhandelte, um eine Lösung zu erreichen, wurde er wegen der schlechten Kommunikation und der vielen Missverständnisse von seinen Mitfahrern schwer kritisiert. Vor den Toren Berlins gab es offener Streit. Auf einer kontroversen Schiffersversammlung nahe Potsdam traf man, nicht einstimmig, die salomonische Entscheidung, die Flotte zu teilen. Die meisten Schiffer entschieden sich intuitiv für den Osten.

Klimax von Panik und Party

Die West-Berliner Organisation hatte schon Tage zuvor das Publikum für die besondere Ankunft der ersten Zivilschiffe durch den DDR-Korridor erwärmt; historische Schiffe überdies, aus den Niederlanden. In der Havel unweit der Glienicker Brücke war ein kleiner schwimmender Empfang aufgebaut worden, wo eine Begrüßung und eine Pressekonferenz angekündigt worden waren. Die Niederländer waren fast zwei Wochen unterwegs gewesen, um an die 750-Jahr-Feier beizutragen. Aber als die Schiffe endlich und verspätet in Sicht kamen, passierte etwas merkwürdiges. Dort, wo das Konvoi links in Richtung Spree und West-Berlin hätten fahren sollen, löste sich der hintere Teil der Flotte und bog rechts. Zum Entsetzen der Festveranstalter wählten 16 Schiffe zielsicher das Teltow-Kanal, den falschen Weg, mit Kurs auf Ost-Berlin. Geschreie über die geteilten Berliner Gewässern, dann panische Fluche in Megafone und Krisenberatung über Funksprechgeräte. Es folgten einige hektische Stunden: Schiffer, die an Ort und Stelle stillhielten, anlegten und noch einmal eine Versammlung einberiefen; ein Blitzbesuch dreier Konvoileiter an das Rote Rathaus im fernen Ost-Berlin, samt der Durchfahrt eines niederländischen PKW durch Checkpoint Charlie, wo alle Schlagbäume sofort hochgingen; West-Berliner Beamte, die inzwischen – in diesen Zeiten ohne Handys und Internet – die abwartende Flotte mit einem doppeldeutigen Telegramm bespielte und so doch West-Berlin hinein lockte; wilde Taxifahrten der aus Ost-Berlin zurückgekehrten Schiffer, die nun vor einem leeren Kai standen und fluchend und schimpfend ihr eigenes Konvoi suchen mussten. So erreichte die aufgestaute Spannung am Tag der Ankunft ihren Klimax. Am Ende lagen fast alle Schiffe in Kreuzberg in West-Berlin, zog sich ein Einzelner aus Frust über das Getue vom ganzen Fest zurück, und fuhren zwei alte niederländische Boote im Osten beim Wasserfest der Hauptstadt der DDR auf. „Friedensfahrt gescheitert“, riefen die Zeitungen in den Niederlanden. West-Berliner Medien behaupteten, die DDR habe versucht, die niederländische Schiffe zu entführen. Und das ostdeutsche Fernsehen übertrug stolz die westliche Beteiligung am eigenen Jubiläum. In den Tagen nach dem doppelten Wasserfest fuhren weitere Schiffer durch die Mauer nach Ost-Berlin, wo sie nachträglich von ostdeutschen Zuschauern sehr herzlich zugewinkt wurden.

Reid selbst war daran fast zugrunde gegangen. Bei seinem Übertritt nach Ost-Berlin hing er mit einer Flasche Schnaps oben im Mast. Am Ende fuhr er alleine zurück in die Niederlande, getrennt von seiner erregten Flotte. In einem Fernseh-Interview erklärte er den Ost-West-Konflikt trotzdem für gelöst. „Und in einigen Jahren ist Berlin die Hauptstadt Europas“, hatte er bei Abfahrt prophezeit. Doch nicht schlecht getroffen, zwei Jahre vor Mauerfall.IMG_20140527_215349

Krijn Thijs, april 2014

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